Hundert Jahre Restaurant Filippino“
LA STAMPA Samstag, 23. Oktober 2010
Parri, Monet und die Magnani
Hundert Jahre im "Filippino"
Ferruccio Parri und Carlo Rosselli waren hier, in der politischen Verbannung in den Jahren des Faschismus. Einmal war der Maler Claude Monet zu Gast, hat bestellt und gegessen, aber als es ans Zahlen ging, merkte er, dass er kein Geld dabei hatte und bezahlte mit einer Zeichnung, die er sogleich auf einer Papierserviette anfertigte. Oft kamen berühmte Schauspielerinnen, Schauspieler und Regisseure, wie Anna Magnani, Sofia Loren, Monica Vitti und Michelangelo Antonioni. Auch den Boxer Primo Carnera hat es hierher verschlagen, der allerdings in Rage geriet und mit der Faust einen Tisch in zwei Teile hieb. Fernsehstars aller Zeiten gehen hier ein und aus, Mike Bongiorno und Pippo Baudo, Alba Parietti und Maria De Filippi, und Musiker wie Sergio Celibidache und Giuseppe Sinopoli, und der Piemonteser Archäologe, der die Geschichte der Ursprünge der Äolischen Inseln geschrieben hat, Bernabò Brea.
Wie viele Geschichten, und wie viel Geschichte erlebt man im Buch Filippino cento anni, das ein Jahrhundert eines der wenigen weltberühmten sizilianischen Restaurants und das visionäre Genie seines aus Macerata in den Marken stammenden Gründers, Filippo Cesare Bernardi, feiert: Ein Mann aus dem Landesinneren, der 1910 auf abenteuerliche Weise an Bord eines Segelboots nach Lipari gelangte, und für immer dort geblieben ist, der Liebe wegen zu seiner aus Lipari stammenden Braut Maria Luisa.
Ein kleiner Raum auf dem Rathausplatz, über der Ortschaft gelegen und wenige Schritte vom Burg-Gefängnis entfernt, in dem die Verbannten nächtigten und die wenigen Dinge, die von zu Hause mitgebracht worden waren: Vier Tische, die auch im Winter, an sonnigen Tagen, draußen eingedeckt wurden; ein einfaches Menü, da die Inseln damals unter Hungersnot und Emigration litten. Es herrschte jedoch kein Mangel an frischem Fisch, gerade geerntetem Gemüse, noch ofenwarmem Brot und selbst gemachten süßen Köstlichkeiten. Filippo Cesare, von allen Filippino genannt, und Maria Luisa haben so angefangen, mit „Willenskraft, Fleiß und Mühe im Familienbetrieb, Liebe zur eigenen Arbeit und der Leidenschaft am Leben“, wie seine Enkel Antonio und Lucio sich erinnern, die heute an der Spitze einer Familiendynastie stehen, die schon in der vierten und bald in der fünften Generation tätig ist.
Wenn Filippino das Verdienst des Gründers zukommt, der seinen Sohn Filippo Junior, der das Meer und das Abenteuer liebte, davon überzeugt hat, sich der Küche zu widmen, so ist es Antonio und Lucio gelungen, eine Familientradition auf höchstem Niveau im Stil des Vaters und Großvaters zu festigen und weiter auszubauen. Lucio in der Küche (und ab und an auch im Fernsehen, wo er äolische Rezepte erklärt), Antonio im Restaurant, mit dem wachsamen und strengen Blick der Mutter, Eugenia Matarazzo, die vor wenigen Wochen im Alter von hundert Jahren verstorben ist, und der Art und Weise des Umgangs, die bei ihnen zu Hause vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde: aufmerksam und freundlich mit allen, den berühmten Gästen, die zur Geschichte des Restaurants gehören und den ganz normalen Menschen, den Bewohnern Liparis, die mit sonnengebräunten Gesichter und einem Lächeln in diesem liebevollen Buch der Erinnerungen auftauchen.
Lipari, Samstag 23. Oktober „Hundert Jahre Restaurant Filippino“
Lipari – Das Jahr 2010 ist ein Jahr, in dem der historische Geburtstag eines italienischen Restaurants gefeiert wird. Das Restaurant „Filippino“, ein historisches Lokal in Lipari, feiert die ersten hundert Jahre seines Bestehens. Das zur Vereinigung der großen Restaurants der großen mediterranen Tradition gehörende „Filippino“ bietet seinen Gästen seit dem fernen Jahr 1910 die typischen Spezialitäten der äolischen und sizilianischen Küche. Den Grundstein für das geschichtsträchtige Lokal (das damals noch „Belvedere“ hieß) legte Anfang des 20. Jahrhunderts Filippo Cesare Bernardi und „Filippino“ erlebte, wie Persönlichkeiten und Berühmtheiten, die zur Geschichte Italiens und darüber hinaus gehören, an seinen Tischen Platz nahmen. Von Monet (der die Rechnung mit einem Bild bezahlte) über Königin Paola von Belgien über Edda Ciano, von den Filmstars der Nachkriegszeit bis zum ehemaligen Präsidenten der Republik Oscar Luigi Scalfaro.
Persönlichkeiten und berühmte Gäste, die von den Gaumenfreuden der Küche des Restaurants, aber auch vom einzigartigen Ambiente und der Kulisse des „Filippino“ begeistert waren. Lipari und die Äolischen Inseln gelten als wahres Naturparadies, ein zauberhafter Kontext, in dem das Meer, die grüne Insel und der vulkanische Ursprung des Archipels einen außergewöhnlichen Landschaftsmix entstehen lassen. Das Restaurant wird heute von Antonio Bernardi geführt, dem direkten Nachkommen von Filippo Cesare, und seinem Bruder Lucio, „einem längst international berühmten Chefkoch“, und gemeinsam tragen sie dafür Sorge, die Tradition und die unverfälschte Ursprünglichkeit der Gerichte weiterhin zu garantieren, die das berühmte Lokal seit 100 Jahren anbietet. Ein Jahrhundert Genüsse, ein Jahrhundert Qualität, ein Jahrhundert Professionalität. Ein Jahrhundert „Filippino“.
Das Restaurant von Filippino war wie ein Königspalast. Es stand (und dort steht es heute noch) auf dem Platz vor dem Rathaus, fast am Durchgang zur Akropolis, auf der sich Jahrhunderte und Jahrtausende lang die Kulturen zu einer Synthese der Zeit versammelten, die Geschichte wird. Filippino war zum Symbol geworden. Ein Name, der viele Dinge zusammenfasste: Die Tradition eines von Fleiß getragenen Familienbetriebs, den Willen, das Leben zu bewältigen, die Liebe zur eigenen Arbeit, die Strenge in der Berufsethik, die Unermüdlichkeit, wenn es darum geht, Opfer zu bringen, der Respekt für den anderen und die eigene Person, die Verteidigung der eigenen Würde, der Wunsch, seinen Weg zu machen, fast aus einem unausgesprochenen Streben, hier nicht stehen zu bleiben. Mit einem Wort, die Leidenschaft zu leben! Das waren alles Tugenden und der junge Mann nahm sie erst nach und nach wahr.
In jenen Jahren zeigte Professor Bernabò Brea sogar, dass die Welt von weit her kam und brachte die ältesten Kulturen bei seinen Ausgrabungen ans Licht, die in Piano Conte begannen und wer weiß wo enden. Das Klavierspiel von Sergiu Celibidache untermalte die zerstörerische Schönheit einer Natur, die sich bei jedem Ausblick der Hoffnung öffnete: Es waren die Landschaften, die ein Schweizer Tourist, der die Insel nie mehr verlassen hat, Edwin Hunziker, in seiner wunderbaren Malerei festhielt; abends begleiteten die Stornelli von Cicci Mondello die Liebeswallungen der ersten Urlauber aus Frankreich, Deutschland und Holland. Aber alles, wirklich alles schien sich jeden Abend um das „Ristorante“ herum abzuspielen. Im Sommer wurde es zu einem „Gourmet“-Konversationszirkel, einem Treff, bei dem man nicht fehlen durfte, um sich auszutauschen und die Neuigkeiten des Tages zu erfahren, die Geständnisse, Kurioses und die Kommentare zu hören. Filippino ging von Tisch zu Tisch mit der familiären Vertrautheit eines Weltschöpfers, der weiß, was die Gäste von ihm erwarten, wie ein Freund, der die Kunst der Vertraulichkeit beherrscht und die Grenzen der Diskretion wahrt. Der Junge bewunderte ihn und lernte von ihm. Alles kann man von allen lernen. Einmal sprach der Junge aus LIPARI mit einem griechischen Archäologen, der ihn fragte, ob er ihn begleiten wolle. – Nach der archäologischen Besichtigung essen wir im Filippino – sagte der Junge. Sie, der Sie so weit herumgekommen sind, werden feststellen, dass Sie sich in einem der schönsten Restaurants der Welt befinden.






